UNSÖLD'S Eisfabrik & Eislaufhalle

UNSÖLD‘S FACTORY Hotel –  die „Geschichte“ dahinter

München und seine Stadtbäche

Münchens Leben und Wohlstand hingen jahrhundertelang vom Wasser ab; so sehr prägten Wasserläufe das Stadtbild, dass man die Stadt auch „Klein-Venedig“ nannte. Wachstum und steter Wandel haben das Stadtbild seither stark verändert.

Schon im Mittelalter hatte man begonnen, die Abzweige und Verästelungen der breit mäandernden Isar in Bächen und Kanälen einzufangen und gezielt durch die Stadt zu leiten. Die Bewohner nutzten das Wasser zum Fischen, zum Wäschewaschen, zur Abwasserbeseitigung, als Pferdeschwemme. Die heute nur noch zum Freizeitvergnügen genutzten Isarflösse brachten das Holz aus dem Oberland in die Stadt. In den zentralen Vierteln und im Lehel nutzten zahlreiche Handwerksbetriebe die Wasserkraft als einzige Energiequelle: sie trieb Mühlen an, Gerber, Lodenwalker und Leinenweber siedelten sich mit ihren Werkstätten an den Wasserläufen an. Mit dem wachsenden Hygienebewusstsein ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich seit dem frühen 19. Jahrhundert, ausgehend von den Militärschwimmschulen, eine allgemeine Badekultur in der Stadt.

München und sein Bier

Immer noch aber gefährdeten verdorbene Lebensmittel die Gesundheit der Menschen; kühl und damit genießbar halten konnte man die Vorräte Jahrhunderte lang nur mit Eisblöcken, die man im Winter aus gefrorenen Gewässern geschnitten hatte; ein großes Problem vor allem für die Münchner Brauer, weil das Bier schnell sauer wurde, wenn es während des Brauvorgangs und der Lagerung nicht kühl gehalten wird. Erst 1876 entwickelte Carl von Linde ein praktikables Verfahren zur chemischen Kühlung. Endlich konnten Bier und Lebensmittel ganzjährig zuverlässig gekühlt werden.

Brauereisohn Felix Unsöld baut eine Eisfabrik in München

Die Bedeutung der Linde’schen Erfindung erkannte sogleich der junge Felix Unsöld (1852 – 1931). Der Spross einer Kemptener Brauerfamilie studierte in München Maschinenbau und Architektur. 1873 begann er seine berufliche Laufbahn bei der Augsburger Maschinenfabrik Riedinger, die auf Brauereieinrichtungen spezialisiert war. Als er sich 1891 mit seiner eigenen Firma zur Eisherstellung selbständig machte, setzte er ganz auf Lindes neue Technik. Den Standort für sein Unternehmen hatte er sorgfältig ausgewählt: er siedelte sich mit seiner Eisfabrik an der heutigen Unsöldstr. 10 an und erwarb das Grundstück mit samt den Wasserrechten. Der hauseigene Brunnen lieferte den Rohstoff Wasser, und der Stadtmühlbach trieb mit seiner Energie über das eingehängte Schaufelrad die Generatoren zur Erzeugung des künstlichen Eises an. Rasch etablierte sich das junge Unternehmen, das mit eigenen Lieferwägen Gastronomie und Privathaushalte mit seinen Eisenstangen belieferte.

Kälteingenieur Felix Unsöld und seine Eislaufbahn, die erste Deutschlands

Da die Eisfabrik im Winter nicht ausgelastet war, griff der findige Unternehmer eine brandneue Idee auf, deren Prototyp er bei einer Fachausstellung in Frankfurt am Main gesehen hatte. Unsöld perfektionierte das Modell und baute die erste überdachte künstliche Eisbahn Deutschlands neben seiner Eisfabrik. Er schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe: die Eislaufbahn ermöglichte ihm, seine Fabrik auch im Winter auszulasten und – er schuf eine neue Attraktion für München. Seine 44 x 16 m große Eisbahn, untergebracht in einer überdachten, luftigen Holzhalle, lockte ab Januar 1893 die Münchner in diese neue Attraktion.

 

Die bald liebevoll „Schachterleis“ getaufte Eishalle bot Jung und Alt alljährlich von Oktober bis März ein neues Winter- Freizeitvergnügen. Allein oder unter Anleitung von Eislauflehrern zeichneten die Besucher ihre Kringel auf die 20cm dicke, spiegelnde Eisfläche; die Zuschauer verfolgten von einer Galerie oder dem angeschlossenen, geheizten Restaurant bei einer Tasse Kaffee, Tee oder einem Glas Bier das muntere Treiben in der in Fachwerkbauweise errichteten Halle. Bis zu 300 Eisläufer tummelten sich allabendlich bei Musikbegleitung in der mit Tannen dekorierten Holzhalle; später berühmt gewordene Eislaufstars übten ihre ersten Pirouetten und Sprünge auf der mehrmals täglich erneuerten Eisfläche des „Schachterleis“.

 

So versorgte Unsöld  über 50 Jahre seine Mitbürger nicht nur mit dem begehrten Eis, sondern auch mit Lebensfreude und Geselligkeit. Der Erfolg sprach sich herum: 1896 lud man den Ingenieur Unsöld ein, in London eine weitere Eislaufbahn nach seinem Modell einzurichten.

Die Dachkonstruktion der Halle wurde in der Nacht vom 2.auf den 3. Oktober 1943 vollständig zerstört. Da sich eine Rekonstruktion des Daches nach 1945 als nicht finanzierbar erwies, betrieb die Familie Unsöld die Eisbahn als Freiluftbahn ab dem 30. Oktober 1949 weiter.

Der technische Fortschritt in Form von Kühlschränken und Trockeneis und das steigende Interesse für den Skisport waren die Hauptgründe, Eisfabrik und Eisbahn aufzugeben:  Am 20. März 1960 schloss das „Schachterleis“ für immer seine Pforten, am 30. September 1961 stellte auch die Eisfabrik ihren Betrieb ein.

Technischer Fortschritt und Stadtentwicklung Münchens im 20. Jahrhundert

Seit Ende des 19. Jahrhunderts war München rasant gewachsen und schon um 1900 gab es Forderungen, die Stadtbäche zu überbauen oder zuzuschütten, da sie moderner Stadt- und Verkehrsplanung im Weg standen. Zunächst baute die Stadt Brücken und Überwölbungen über die 300 km Stadtbäche. Zudem übernahm  die  städtische Verwaltung Zug um Zug zahlreiche Funktionen der Stadtbäche: Stromversorgung, Trinkwasser und Abwassersysteme wurden zentralisiert; der Unterhalt der zahlreichen Brücken und Überwölbungen der Stadtbäche war teuer. So entschloss sich der Stadtrat zur sukzessiven Auflassung der Stadtbäche ab 1965; nur einige wenige sollten im Stadtbild sichtbar bleiben.  

Ein brandneues Hotel zur Olympiade 1972 löst die traditionelle Eisbahn ab

Gewerbebetriebe mit eigenem Wassernutzungsrecht wie die Firma Unsöld mussten dieses an die Stadt gegen Entschädigung abtreten, sollten aber an selber Stelle wieder einen Gewerbebetrieb errichten. Da sich die Stadt München 1965 um die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1972 beworben hatte, entschieden sich die beiden Eigentümerinnen der Flx.Unsöld oHG, Schwiegertochter und Enkelin von Felix Unsöld, ein Hotel zu bauen; dieses erhielt – inspiriert von einem Haus in Italien  – zunächst den Namen Ariston. Der die Grundstücke durchfließende Stadtmühlbach wurde überbaut und tritt an der Prinzregentenstraße am Beginn des Englischen Gartens wieder zutage, wo sich  fast ganzjährig die Eisbachsurfer treffen. Erst seit den 1990er Jahren erfahren die Stadtbäche wegen ihrer Bedeutung für Stadtklima und Freizeitgestaltung neue Wertschätzung.

Der Straßenzug, in dem Fabrik und Eisbahn von Felix Unsöld gestanden hatten, erhielt im Jahr 1968 den Namen Unsöldstrasse.

Unter neuem Namen ins 21. Jahrhundert

In den Jahren 1994 bis 2005 betrieben die Urenkelinnen das Fitness-Studio ‚Unsöld’s Fitness für Frauen‘ unweit in der Marstallstraße. Das ehemalige Hotel ARISTON wird nach einer umfangreichen energetischen Sanierung ab Oktober 2020 als „UNSÖLD’S FACTORY“  Hotel wieder eröffnet. Verschiedene Kunstobjekte zu den Themen Wasser und Eis bereichern das vollständig modernisierte Haus. Gestalterische Akzente wie z. B. der Einsatz verschiedener Blautöne in und am Gebäude verweisen auf das Medium Wasser; sie erinnern ebenso wie die bewusst verwendeten, neuen und auch recycelten  natürlichen Materialien Metall, Holz und Leder an die Geschichte des traditionsreichen Hause

 

Recherche und Text von Historikerin Dr. Eva Chrambach